

|
Sommer 2010
Klaus Schlütter: Die Mischung ist wichtig Seite 1 von 3
Herr Schlütter, was können Sie über die Mischung sagen, aufgrund derer Ihr früherer Arbeitgeber „Bild“ so erfolgreich war, ist und vermutlich bleiben wird?
Axel Springer wollte eine Zeitung machen, die nur Stoffe veröffentlicht, die 90 Prozent aller Leser interessieren. Alles kurz, knapp und klar, damit das Medium dem Arbeiter in der kurzen Frühstückspause einen schnellen Überblick über all das gibt, was wichtig ist. In einer Viertelstunde erfährt er das Neueste aus aller Welt. „Wir müssen das Herz des Lesers erreichen“, hat Springer damals gesagt. Es ist ihm gelungen. Vom Geburtsjahr 1952 an hat sich das Groschenblatt zu einer nationalen Institution entwickelt.
Ein Element, das die Zeitung im Allgemeinen attraktiv macht, fehlt trotzdem.
Was meinen Sie?
Ich denke da an die Traueranzeigen, bin mir allerdings nicht sicher, ob Sie diesem Angebot überhaupt schon regelmäßig Interesse schenken…
Doch, das gehört in der Lokalzeitung zu meinem täglichen Lesestoff. Ich glaube, das hat mit dem fortschreitenden Alter zu tun. In der „Bild“ sind Todesanzeigen in der Tat eher die Ausnahme, weil sie aufgrund der hohen Auflage viel zu teuer sind.
Sie sind auch im Ruhestand noch sehr aktiv, wirken richtig fit und um einige Jahre jünger. Haben da Themen wie Alter, Krankheit, Tod überhaupt Platz in Ihrer Gedankenwelt?
In meinem Alter wird einem mit jedem Tag bewusster, wie endlich das Leben ist. Aber jeder hat die Chance, etwas zu tun, um den Ruhestand besser genießen zu können. Das Leben ist einfach zu kurz, um nur ein langes Gesicht zu machen. Ich treibe regelmäßig Sport, mache Gymnastik, rauche nicht, trinke in Maßen. Meine Frau achtet auf gesunde Ernährung. Ich arbeite als Freier weiter, weil es mir noch Spaß macht, ohne Druck, ohne Hektik. Ich bin dankbar, ein solches Leben führen zu können.
In Ihrem Redaktionsalltag hat es gewaltige Erschütterungen gegeben. Wie war das für Sie, als die Kollegen gestrorben sind - Dieter Strosack und Thomas Leibl?
Schwere Tiefschläge, sie haben einen sehr betroffen gemacht. Es waren ja liebenswerte und noch relativ junge Kollegen, mit denen man eng zusammengearbeitet hat. Abgesehen von der Trauer riss der Tod auch große Lücken in das Redaktionsgefüge, die nur schwerlich wieder geschlossen werden konnten.
Als Ihre Kollegen aus dem Leben gerissen wurden, haben Sie sich da auch gefragt, ob das reizvolle Journalistenleben womöglich ungesund ist?
Journalisten und Gastwirte haben bekanntermaßen die höchste Sterblichkeitsrate. Der Stress, das unstete Leben, die oft ungesunde und unregelmäßige Ernährung, all das trägt dazu bei.
Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen, immer genau das zu genießen, was Sie gerade tun?
Ich finde es sehr reizvoll, innerhalb kürzester Zeit totale Gegensätze zu erleben. Zum Beispiel für die „Welt“ über ein Bundesligaspiel des VfB Stuttgart zu berichten und wenig später für den „Teckboten“ - wie bei meinen Anfängen in Heidenheim - Spiele der Kreisliga abzutelefonieren.
Sind wir uns einig, dass auch Sport und Sportjournalismus nicht heile
Welt bedeuten?
In Sachen Doping hat mein heiles Weltbild vom Sport Kratzer bekommen. Ich vermeide, mich zu sehr da hineinzusteigern, damit dieses Weltbild nicht komplett kippt. Dazu liebe ich den Sport zu sehr.
Der bitteren Realität muss sich der Sportjournalist auch stellen – oder ist es in Ordnung, wenn man sich ein Stück heile Sportwelt erhalten will?
Ich glaube, viele wandeln bei diesem Thema auf einem schmalen Grad. Ich für meine Person verfolge weiterhin jede Spur, wenn ich einen Ansatz für Manipulationen sehe, aber ich reiße mich nicht um diese Geschichten. Dazu habe ich mich zu oft verarscht gefühlt von Betrügern wie der Sprinterin Marion Jones, deren Leistungen ich vorher euphorisch gewürdigt hatte. Gut, dass vieles aufgedeckt und bestraft wird.
Fehlt bei „Bild“ oft der Platz, ein komplexes Thema wie die Dopingproblematik differenziert darzustellen?
Es ist ein grundsätzliches Problem nicht nur von „Bild“, dass oft nur schwarz oder weiß gemalt wird. Ich vermisse da die Grautöne, die der Platzfrage zum Opfer fallen. Da geht das oft Abwägen des Journalisten, über ein heikles Thema in vielen Facetten zu berichten, verloren.
Falls Betroffene nach einer kritischen, vielleicht sogar hämischen Berichterstattung beleidigt sind und nicht mehr mit Ihnen oder sogar mit dem Medium reden wollten, wäre das für den Journalisten problematisch.
Ich habe das oft erlebt, dass kritisierte Personen eingeschnappt waren. Aber da muss der Journalist durch. Wir sind nun mal keine Fans von irgendwelchen Vereinen oder Sportlern. Es gehört nun einmal zu unseren Aufgaben, Finger in Wunden zu legen und Missstände aufzudecken. Die andere Seite sollte einsehen, dass wir nur unsere Arbeit machen, was allerdings vielen schwer fällt oder gar nicht gelingt.
Ich könnte mir vorstellen, dass sich selbst die Ehefrau eines Vollblutjournalisten schwer damit tut, zu akzeptieren, dass der nur seine Arbeit macht. Wenn man sich lange zurücknehmen muss, hat man doch sicher die Hoffnung, dass sich etwas Grundlegendes ändert, wenn der Partner erst mal im Ruhestand ist. Wie kommt Ihre Frau damit klar, dass Sie sich immer noch so stark dem Sportjournalismus widmen?
Mein Vorteil ist, dass unsere Tochter noch zu Hause wohnt. Wenn ich weg bin, unternehmen Frau und Tochter viel gemeinsam.
Seite [ 1 ] - 2 - 3
|