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Januar 2011
Ein Nachruf auf Gerd Krämer Vor einiger Zeit lief in den Zeitungen die Werbekampagne „Sie lieben Sport?“, und der Clou war ein Grabstein, in den ein Fußball graviert war und unter dem Namen des Verstorbenen der Vermerk: „Eingewechselt 28.01.1939. Ausgewechselt 13.10.2002.“
Soviel Witz, werden viele sagen, gehört nicht auf den Friedhof, aber der Kollege, über den wir heute aus traurigem Anlass reden müssen, hätte darüber gelacht. Kürzlich ist Gerd Krämer gestorben, und die Trauerfeier fand im engsten Familienkreis statt, still und heimlich. Aber so wortlos lassen wir ihn nicht gehen, dafür war er zu wichtig – und hat seinen Sport zu sehr geliebt.
Einmal saßen wir in seinem Häusle im Degerlocher Hainbuchenweg. „Hier auf der Terrasse“, erzählte er, „hat Heiner Stuhlfauth damals Fritz Walter das Du angeboten.“ Es stellte sich heraus, dass auch Fritz Szepan noch dabeistand bei jenem historischen Handschlag, und dass im Krämerschen Garten die drei größten Fußball-Ikonen aus den 20er bis 50er Jahren leibhaftig versammelt waren, um für den ZDF-„Sportspiegel“ eine filmische Dokumentation über die deutsche Ballkunst zu krönen, sagt über den Stellenwert des Sportreporters Krämer alles. Wobei Sportreporter eine unzulässige Untertreibung ist, denn er hat nicht nur Paavo Nurmi, sondern auch Eisenhower und Nixon die Hand geschüttelt und den Asienforscher Sven Hedin interviewt. Er war ein Zeuge seiner Zeit.
Und für die Deutschen die Stimme der Hoffnung. „Mister Kramer“, befahl ihm am 6. September 1946 der Kontrolloffizier von „Radio Stuttgart“, dem Sender der US-Militärregierung, „Sie übertragen die Ansprache von Mister Byrnes an die Deutschen.“ James F. Byrnes, der US-Außenminister, hielt im Stuttgarter Staatstheater seine große „Rede der Hoffnung“, mit der er dem Ex-Feind wieder die Hand reichte, und weil der Sportreporter Krämer gut Englisch konnte, war er der Übermittler der frohen Botschaft – er durfte den Deutschen übersetzen, wie Mister Byrnes von Wiederaufbau und Zukunft sprach. Krämer: „Mit meiner umgefärbten Wehrmachtsuniform stand ich am Mikrophon.“
Die Stunde Null war noch nicht lange her. Der Kriegsheimkehrer hatte das Elternhaus in der Landhausstraße ausgebombt wiedergefunden. Er kam aus dem Gefangenenlager Jabekke, „Bett an Bett“ war der Luftwaffen-Oberleutnant Krämer dort gelegen mit dem Flak-Oberleutnant Helmut Schmidt, der später als „Schmidt-Schnauze“ Kanzler wurde - „der hatte schon damals a Riesengosch.“
Der Krämer aber auch. Also bewarb er sich bei „Radio Stuttgart“ und war bald in allen Fußballstadien bekannt – als „der mit dem breiten Scheitel“, weil ihm der Kopf dramatisch durch die Frisur wuchs. Krämer tarnte seine Glatze mit dem Einheits-Hut des deutschen Mannes und trug im Übrigen seinen pfennigguten Konfirmantenanzug ab – auch im November 1945, als er das erste Live-Spiel nach dem Krieg übertrug: VfB gegen Fürth, 3:3, vom Kickersplatz. Krämer: „Im Neckarstadion, der alten Adolf-Hitler-Kampfbahn, spielten die US-Soldaten zu der Zeit noch Baseball.“
Doch Krämer konnte, als gebildeter Mensch, mehr als Fußball. Man schickt ihn nach Washington und New York, wo er den Präsidenten Eisenhower traf und den jungen Nixon, und 1950 übertrug er aus dem Yankee-Stadion den letzten Kampf von Joe Louis über den Großen Teich, gegen Ezzard Charles, für die „Stimme Amerikas“.
Dann kam das Fernsehen, und wieder spazierte der Schwabe als Pionier vorne mit, mit der Live-Übertragung des Meisterfinales 1954 zwischen Hannover 96 und Kaiserslautern. Wenn Krämer daheim beim Bundestrainer Sepp Herberger am Kaffeetisch saß, macht dessen Ev schnell einen Guglhupf.
Das WM-Wunder `54 war dann der Durchbruch ins Fernsehzeitalter. Und seiner. Weltmeisterschaften. Olympische Spiele. Sein Länderspielbuch „Im Dress der elf Besten“ lief wie ein Bestseller. Und 1963, als das ZDF auf Sendung ging, gab Krämer den Pionier nocheinmal. Er verließ den Südfunk, nahm Rainer Günzler und Wim Thoelke mit, interviewte als „Sportstudio“-Moderator Leute wie den Barfußläufer Bikila Abebe und würzte den hintergründigen „Sportspiegel“ mit Porträts: Rene Lacoste, Juan Manuel Fangio, Ferenc Puskas. Aus optischen Gründen wurde er beim ZDF eines Tages zur Zweitfrisur überredet. „Toupet?“, fragte er. „Ist das keine Persönlichkeitsverfälschung?“ - „Nein“, hieß es, „nur eine Richtigstellung – damit Sie endlich so jung aussehen, wie Sie sind.“
Er hat es fortan tapfer getragen, bis tief hinein in den Ruhestand. Regelmäßig sah man den Veteranen bei den Spielen der Kickers, solange ihn seine Füße vom Hainbuchenweg hinübertrugen. Gerd Krämer ist 91 geworden.
Oskar Beck
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